Magazin INNOVATION
  • Bastian Hosan
  • 27.03.2024

"Das Aufbrechen von Strukturen ist immer ein bisschen beängstigend."

Der Ruf ist laut, dass sich in Deutschland etwas verändern muss. Viel und schnell. Nur: Wo anfangen? Darüber haben wir mit Christina von Messling gesprochen. 

Die Zukunft hat gerade Konjunktur. Ein Grund dafür ist, dass viele Leute gerade das Gefühl haben, dass viele Dinge ganz schön holprig laufen. Während rundherum die Wirtschaft boomt, hinkt Deutschland hinterher. Die großen DAX-Konzerne machen Riesengeschäfte – nur leider nicht Zuhause, sondern im Ausland. Es scheint, als würde nicht nur die vielen kleinen und großen Krisen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, sondern auch verschleppten Reformen der Vergangenheit ihre Wirkung entfalten. Aber das heißt ja nicht, dass man nichts dagegen machen kann. 

Im Gegenteil: Unternehmen, die anderen Unternehmen, Organisationen, Verbänden oder der Politik dabei helfen, sich und die Welt zu transformieren, haben gerade großen Zulauf. Viele haben es gesehen, als Amy Webb, die bekannte Futurologin und Gründerin des New Yorker Future Today Institutes, auf der Digitalkonferenz SXSW auf der großen Bühne stand und der Welt erklärt hat, was die nahe Zukunft so bringen wird. Sie sprach von einem "Supercycle" der Technologie, der da draußen gerade sichtbar würde; angetrieben von neuen, sich überlagernden Technologie-Trends, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Durchbrüchen. Es ist eine spannende Zeit, die nach Erklärungen verlangt. Denn längst nicht alle können bei jeder neuen technologischen Umdrehung den Überblick behalten. 

In Kombination mit der "Europe 24", auf der Webb über mögliche Zukünfte sprach, die Deutschland bevorstehen könnte, hat sie einen lauten Moment der Zukunftsforschung geschaffen und gezeigt, was in dem Business gerade drin ist. Klar ist aber auch, dass das Gewerk nur selten mit einem solchen Knall daher kommt. Vielmehr geht es leise in im Verborgenen nach vorne, beratend, ausprobierend und tastend. Wir haben uns mit Christina von Messling, der Europachefin von Amy Webbs Future Today Institute, darüber unterhalten, was die Zukunftsberatung so alles kann. 

Christina von Messling ist übrigens eine unserer Speaker bei den diesjährigen SpaceWalk Talks, der Zukunftskonferenz von robotspaceship. 

 

Zukunft

robotspaceship: Es scheint, als habe die Zukunftsforschung gerade einen großen Moment. Woran liegt das?

Christina von Messling: Ich würde sagen, daran, dass gefühlt gerade vieles nicht so richtig läuft.

Warum erzählt ihr Leuten, wie ihre Zukunft werden könnte, wie ihr das auf der SXSW getan habt? 

In erster Linie geht es uns darum, Aktion zu erzeugen. Wir wollen Visionen oder den Anfang von Visionsbildung initiieren. Und dann geht es uns natürlich auch darum, die Menschen zum Tun zu motivieren.

Die Welt hat sich verändert: geopolitisch, klimatisch, technologisch. Trotzdem bleiben große Transformationsinitiativen aus.

Warum?

Weil viele unsicher sind, wie es weitergeht und nicht wissen, wo sie überhaupt anfangen sollen, etwas zu verändern. Viele rufen jetzt nach KI, nach KI und mehr KI. Die Frage, „Wie denn jetzt überhaupt?“, wird hingegen nur sehr selten gestellt.

Und dann gibt es ja noch die, die gar nichts verändern wollen, weil gerade das Geschäft brummt. Die Fragen, „Warum sollten wir jetzt an Transformation denken?“ Dabei übersehen sie, dass auch die anderen Zeiten wieder kommen werden.

Das klingt nach der Situation, in der viele Unternehmen in Deutschland gerade stecken: Viele Jahre ging es bergauf und dann kommen plötzlich viele Krisen, mit denen sie nicht umgehen können.

Genau. Und Deutschland ist ja nicht das einzige Land, in dem das so ist. Auch in den USA sehen wir genügend Firmen, die nicht über die aktuelle Situation hinausblicken, die sich nicht auf die Zukunft vorbereiten.

Aber es stimmt schon, in Deutschland scheint das allgemeine Klima gerade industrieübergreifend schlecht zu sein. Es wirkt, als würde da was feststecken.

Steht das Land wirklich so schlecht da?

Ich würde sagen, die Situation ist tragisch. Nicht, weil das alles so schlecht ist, sondern weil das Land ein riesiges Potenzial hat, alles, was es braucht, um erfolgreich zu sein. Wir blicken gerade auf 40 Jahre fast ununterbrochene Erfolgsgeschichte zurück und schaffen es jetzt nicht, die Innovationskräfte, die wir haben, zu aktivieren.

Woran liegt’s?

Das hat sicher viel mit der Mentalität zu tun. Wir sind in Deutschland sehr negativ veranlagt. Alles ist immer schrecklich und schlimm und wir versinken dann einfach in unsere kleine Depression.

Woran macht ihr im Future Today Institute denn diese Stimmungslagen fest?

Wir gehen dabei sehr strategisch vor. Vieles ist Desk Research. Das heißt, wir sammeln die verschiedenen Signale vom Schreibtisch aus ein und analysieren sie. Und je stärker die Verdichtung, je öfter Wiederholungen auftreten in den verschiedenen Bereichen ist, desto mehr ist das ein Indikator dafür, dass es sich dabei tatsächlich um einen Trend handelt.

Für die Deutschland-Szenarien, die wir jetzt rausgebracht haben, haben wir außerdem 40 CEOs in Deutschland interviewt – und in denen Gesprächen war die momentane Malaise etwas, das immer wieder aufkam. Das heißt, wir haben die Informationen und die Einschätzung hier aus mehreren Kanälen.

Was haben diese CEOs so gesagt?

Ganz wichtig: Wir brauchen Innovation. Die haben sich an unserer Umfrage beteiligt, weil in Deutschland in dem Bereich zu wenig passiert.

Wo passiert genau zu wenig?

In vielen Unternehmen. Aber dann gibt es ja auch noch die Innovation auf der politischen und der gesellschaftlichen Seite. Innovation findet nicht isoliert statt, sie muss in einem Ökosystem stattfinden – dazu gehört auch die Politik, die die richtigen Weichen stellt. Da gehört aber auch die Mentalität dazu. Und natürlich auch die Unternehmensführung gehört dazu. Das funktioniert aber nur in ein Ökosystem eingebettet. Natürlich können Einzelunternehmen was erreichen, aber um wirklich ein Momentum zu erreichen, gehört da mehr dazu.

Was wir in unseren Gesprächen herausgefunden haben, ist, dass viele Unternehmen aufgrund der Rahmenbedingungen immer wieder an ihre Grenzen stoßen. Und diese Grenzen scheint es auf allen Ebenen zu geben.

Was heißt das konkret?

Das heißt, dass Unternehmen immer wieder mit Regularien zu kämpfen haben und das Arbeitnehmer:innen momentan eher über die Vier-Tage-Woche diskutieren und weniger dem Leistungsprinzip nachgehen.

 

Was ist das Future Today Institute?

Das Future Today Institute hat seinen Sitz in New York und hilft Unternehmen dabei, sich auf die Zukunft einzulassen, Resilienz zu bilden und sich auf unvorhergesehene Ereignisse einzustellen. CEO und Gründerin des FTI ist Amy Webb, sie ist eine der profiliertesten Futuristinnen, die der Markt gerade kennt. Vor kurzem hat ihr Auftritt auf der Digitalkonferenz SXSW in Austin, Texas, Aufsehen erregt. Dort hat sie einen Einblick gegeben, worauf sich Unternehmen und Unternehmer:innen in der nahen Zukunft einstellen müssen. Schau dir den Auftritt hier 👉 auf YouTube an.  

Hier 👉 kannst du dir den aktuellen Report des FTI herunterladen

 

 

Mehr Work, weniger Life also?

Nein, auf keinen Fall. Ich bin sehr für Work-Life-Balance. Ich glaube sogar, das ist eine der großen Stärken, die wir hier in Europa haben, dass wir da ein bisschen anders herangehen als die Amerikaner.

Auf der anderen Seite müssen wir aber die Ärmel hochkrempeln. Hier müssen wir die Diskussion ein bisschen verschieben. Die Frage sollte frei nach Kennedy sein: Was kann ich für mein Land tun? Das heißt allerdings nicht, dass es nicht auch wichtig ist, dass das Land etwas für die Menschen macht.

Kommen all diese Dinge in euren Reports zum Tragen?

Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist die Bildung. Wir schauen uns die wichtigsten Trends an, die wir gerade sehen und fassen sie in einem Report zusammen. Eine andere wichtige Säule ist aber selbstverständlich die Unsicherheit. Im ersten Schritt unserer Arbeit zeigen wir die Trends, also was wir wissen können. Im zweiten dann, was wir nicht wissen können. Und erst dann wird es so richtig aussagekräftig.

Und aus der Mischung beider Dinge schreiben wir dann Szenarien. Da versuchen wir dann herauszufinden, was denn überhaupt wünschenswerte Zukünfte in den verschiedenen Branchen sind. Und danach steht dann natürlich noch eine weitere Frage: Wie geht es nach dem Szenario weiter? Es bringt nämlich gar nichts, Unternehmen damit allein stehen zu lassen.

Wie sieht die Arbeit danach konkret aus?

Wir versuchen ja herauszufinden, wie die Zukunft von Unternehmen aussehen kann, welche Zukunft sie sich selbst wünschen. Aber es geht natürlich auch darum, was möglich ist. Wenn wir herausgefunden haben, wie eine Firma in 15 Jahren dastehen könnte, steigen wir in einen Prozess ein, den wir Backcasting nennen.

Zusammen mit dem Kunden erarbeiten wir dann, was die nächsten Schritte, was die Prioritäten sind. Uns ist wichtig, dass die Leute in den Unternehmen wissen, was sie am Montagmorgen machen müssen, nachdem sie von uns Input bekommen haben.

Wie kann man sich das vorstellen – Input, Briefing, Action?

Nein, Zukunft und Zukunft machen ist ein agiler Prozess. Man muss in einem jährlichen oder einen zweijährigen Prozess immer wieder nachschauen, wo man gerade steht: Was ist gerade passiert und was hat das für Auswirkungen auf meine Vision für das Jahr 2040?

Kann ich nicht eine gerade Linie vom Jetzt ins Jahr 2040 ziehen?

Das ist schon eine weite Zeitspanne, da kann ich nicht alle Parameter mit einbeziehen. Da muss man auch im weiten Blick nach vorne immer wieder kurzfristig angleichen und schauen, was gerade los ist.

Zukunft ist ein sehr abstraktes Thema. Wie reagieren die Leute, mit denen ihr zusammenarbeitet, auf die Szenarien, die ihr erarbeitet?

Von der Abstraktionsebene in die Realität zu kommen, ist immer einer der spannendsten Teile der Zusammenarbeit. Denn genau darum geht es ja, das ist der Moment, in dem wir klären: Was heißt das für heute?

Hier schauen wir uns dann an, was wir priorisieren müssen – und das kann natürlich auch heißen: Was sind die Dinge, die wir vermeiden müssen? Die Reaktionen können also unterschiedlich aussehen. Außerdem kann das Ganze auf Organisationsebene auch anders wahrgenommen werden als auf der Ebene, auf der Frau Schmidt jetzt hört, dass sie ab Montag jetzt XYZ machen muss.

Wie reagieren die Leute auf der Ebene denn?

Das Aufbrechen von Strukturen und die Transformation ist immer ein bisschen beängstigend.

Gibt es ein Mittel gegen die Angst?

Es hilft, alles in kleine Schritte runterbrechen. Dann ist es zum einen konkret und es ist dann auch nicht mehr so ein großer Block, sondern verdaubare Schritte.

Wie lange dauert so ein Zukunftsprozess mit euren Kunden?

Wenn wir mit Kunden Szenarien erarbeiten, ist das unser längster Prozess, das dauert sechs bis neun Monate, manchmal auch ein Jahr.

Und wie sieht der Weg zum Szenario aus?

Damit wir unsere Kunden am Ende nicht mit einem riesigen Report erschlagen, bauen wir viele kleine Zwischenschritte ein, das Ganze ist ein großangelegter kollaborativer Prozess mit vielen Zwischen-Deliverables: Trendreports, die zeigen, wohin die Reise geht. Und natürlich viele Fragen:

Wie sehen unsere Kunden die Rolle ihres Unternehmens in verschiedenen Situationen? Wie wirkt sich das aus, wenn es geopolitische Verschiebungen gibt? Wenn der Exportmarkt zusammenbricht? Wenn China ihre Wirtschaftskraft verliert? Und so weiter. Man spielt das dann durch. Wir haben verschiedene Workshops, die wir mit unseren Kunden und mit Experten halten, es geht darum, möglichst viele verschiedene Variablen zu erörtern.

Das heißt, in all der Abstraktion geht es am Ende trotzdem darum, möglichst viel Realität in den Prozess mit einfließen zu lassen?

Genau. Zukunft ist ja nicht etwas, das einfach so passiert, wir gestalten sie. Wir blicken nicht in die Glaskugel oder betätigen uns im Kartenlegen und sagen: „Schön, das ist jetzt genau das, was passieren wird.“

Uns geht es um die Vorbereitung und darum, dass wir unsere Zukunft proaktiv gestalten. Wir sehen aber, dass viele Unternehmen heute nur so zwei, drei, höchstens fünf Jahre nach vorne blicken und deshalb immer auf Dinge reagieren müssen, die anderer erarbeiten und gestalten. Und wirklich etwas Neues entwickeln zu wollen, muss man länger nach vorne blicken, da sind die Zyklen länger.

Wer ist Christina von Messling?

Christina von Messling ist die Europachefin des Future Today Institues. Zu ihren Aufgaben gehört es, das hiesige Geschäft des amerikanischen Unternehmens voranzutreiben. Als Head of Europe konzentriert sie sich  auf die geopolitischen, wirtschaftlichen, demografischen und kulturellen Besonderheiten der Region und ihr Zusammenspiel mit Nordamerika sowie in einem globalen Kontext. Sie teilt ihre Zeit zwischen New York, Los Angeles, Berlin und London auf.

Was sind typische Szenarien, die im Moment immer wieder wichtig sind?

Es gibt viele Dinge, mit denen viele einfach nicht rechnen. Die Pandemie war so etwas, das war für die meisten ein schwarzer Schwan, ein nicht vorstellbares Ereignis. Und das, obwohl schon lange vor möglichen Pandemien gewarnt worden ist.

Jetzt nehmen wir in die Szenarien natürlich die Frage auf, was passieren wird, wenn der Nordatlantikstrom versiegt. Natürlich liegt unser Fokus nicht immer auf diesen großen externen Faktoren. Aber es ist auch wichtig, sie durchzuspielen.

Wie nehmen die Menschen in Deutschland diesen Blick in die Zukunft an?

Ich würde sagen, sehr gut!

Wenn man Events wie die SXSW beobachtet, kriegt man schnell das Gefühl, dass in Sachen Zukunft in den USA gerade viel mehr passiert als hier und dass die Menschen dem Thema dort aufgeschlossener gegenüberstehen.

Ich habe, offen gesagt, den gegenteiligen Eindruck. Meine Beobachtung ist, dass in Europa in Sachen Foresight viel mehr passiert und dass das Thema in der Kultur hier viel tiefer verankert ist.

Das heißt, es ist möglich, mit dem Thema „Aktion zu erzeugen“?

Absolut. Und ich bin davon überzeugt, dass wir alle noch sehr viel Zukunft vor uns haben.

Der große Trend Report 2024 von robotspaceship

Wir bei robotspaceship bringen jedes Jahr einen Trend Report, in dem wir uns anschauen, was die wichtigsten technologischen Entwicklungen des Jahres sind. In diesem Jahr haben wir so viele Trends uns Hypes ausgemacht, dass wir den Report mit einer Legende versehen haben. Diese sagt dir, ob du dir  jetzt schon ansehen solltet, was da gerade Phase ist, oder eben nicht. Wenn du Fragen oder Anregungen zu dem Report habt oder Hilfe bei der Implementierung neuer Technologien in eurem Unternehmen braucht, hilft dir unser Chie Futurist Sean Earley gerne weiter. Hier 👉 kannst du ihm schreiben.

Hier 👉 kannst du unseren Trend Report herunterladen. Alles, was du dafür tun musst: Melde dich für unseren Newsletter an. In diesem versorgen wir dich regelmäßig mit allem, was rund um die Themen Zukunft, Transformation und Innovation gerade sichtig ist. 

Engage Germany – Visionen für Deutschland. Die Zukunftskonferenz von robotspaceship

Christina von Messling wird am 24. April 24 auf den SpaceWalk Talks, der Zukunftskonferenz von robotspaceship, darüber sprechen, wie man sich auf die Zukunft vorbereitet. Wichtiger Teil ihres Vortrages wird sein, wie man von einem abstrakten Zukunftsszenario in die Aktion kommt und anfängt, sein Unternehmen und sich selbst für die Zukunft fit zu machen. Jetzt noch schnell Tickets kaufen und Zukunft lernen. 

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Bastian ist Wirtschaftsjournalist und Content Consultant.

Er ist an der Deutschen Journalistenschule ausgebildet worden. Vor seiner Selbständigkeit hat er bei Business Punk und Capital gearbeitet.

Bastian Hosan
Content Consultant

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